Queen Victoria
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Queen Victoria und die Einflüsse des Viktorianischen Zeitalters haben die Welt bis heute revolutioniert bezüglich Naturverbundenheit und Haustierhaltung. Wegbereiter war vor allem auch Charles Darwin, einer der bedeutsamsten Forscher der Naturwissenschaft, der die Evolutionstheorie auf den Weg brachte. Erstmals brachte er so die Menschheit auf den Gedanken, dass wir nicht die Krönung der Schöpfung sind, sondern nur ein Rädchen im Getriebe der Natur. Es kam so Gedanken auf wie Gleichstellung aller Geschöpfe, Menschen, Tiere, Pflanzen. Es passte genau in die Zeit der Landflucht. Viele schmerzte es ihr ländliches Leben aufzugeben und zum Städter zu werden. Man begann sich nach der fehlenden Natur zu sehnen. Das erste Mal gab es mit Queen Victoria eine Königin, die ebenfalls solchen Sehnsüchten zugetan war. So war es auch die Zeit des Durchbruchs für Zimmerpflanzen. Aber dann kam etwas, womit vorher niemand gerechnet hatte. Die Königin begann damit eine ganze Reihe von Tieren bei Hofe einziehen zu lassen. Bislang eher verpönt und als Zeichen des niederen Stands angesehen begann nun langsam ein Umdenken. Vor allem Queen Victorias Liebe zu Hunden und der Begeisterung des oft gelangweilten weiblichen Adels, die sich nun nach und nach ebenfalls für den neuen Zeitvertreib zu interessieren begannen revolutionierte die Welt. Es war auf einmal „in“ sich einen Hund zuzulegen. Ein neues Gedankengut, was sich auch später zunehmend in der Bevölkerung breit machte, zumindest für diejenigen, die sich das leisten konnten.
Queen Victoria war eine Liebhaberin vieler Rassen. Vermutlich beansprucht jeder Rassehundeverein heute für sich, dass es „seine Rasse“ war, die sie besonders liebte. Es heißt, dass sie sich im Rahmen ihrer geliebten Zeiten auf Schloss Balmoral in den Schottischen Highlands in die Collies verliebte mir ihren tollen Eigenschaften und Aussehen. So dauerte es auch nicht lang, bis die ersten Collies Einzug erhielten. Vom Aussehen her entsprachen sie eher den Vorläufern und fachmännischen Beurteilungen nach, waren darunter auch statt Collies, einige Vorläufer der heutigen Border Collies. Dazu zählte auch „Sharp“, der ihr treu ergeben überall hin folgte, wo es möglich war, aber es nicht so wirklich gut mit dem Personal konnte und wohl auch den ein oder anderen mal gebissen haben soll. Auch als Begleiter bei den Ausritten kam es wohl, ebenso wie auf dem Anwesen, schon mal zum Kräftemessen mit anderen Hunden. Man muss dazu auch immer bedenken, dass man Arbeitshunde, die früher am Vieh gearbeitet haben oder andere Aufgaben hatten, nicht einfach so von 100 auf 0 herunterfahren konnte, auch wenn es heißt, dass auch Schafe im Bestand der König waren, aber ob die Hunde daran tatsächlich arbeiten konnten ist fraglich und wenn sicherlich nicht so in dem Umfang wie sie es über viele Generationen hinweg gewöhnt waren (und es auch nicht mal eben so einen Abschaltknopf gab).
Ganz anders klingen da die Berichte aus Victorias Tagebuch und Erwähnungen in einigen ihrer Briefe, zu ihrem wirklichen Lieblings Collie „Noble“, der heute auch weiter als Langhaar Collie eingeordnet wird, in seinem Aussehen aber noch mehr einem der Vorläufer entsprechend. Er liebte es wie „Shape“ seiner Aufgabe nachzukommen die Handschuhe der Königin zu bewachen. Immer wieder schwärmte Victoria über das brave Verhalten von „Noble“, egal ob bei Zugfahrten oder einfach im Beisammensein oder Essen gehen. Auf einen Stuhl oder Couch gesetzt, verblieb er dort, so lange ihm nicht erlaubt wurde wieder herunterzukommen. Zugesteckte Kuchenstückchen ließ er einfach im Maul liegen, bis er die Erlaubnis bekam sie zu essen. Weiter schwärmte Victoria immer wieder, wie lieb und anhänglich er wäre und dass er der gelehrigste Hund sei, den sie je erlebt hat. Meinte er, dass man unzufrieden mit ihm wäre, bettelte er auf liebevolle Weise, indem er seine Pfoten ausstreckte, so ihre Berichte. So brach es Victoria auch das Herz, als er mit 16 Jahren erkrankte. Alle Versuche ihn zu retten, auch durch ihren Leibarzt waren vergeblich, so starb er letztlich, genau zu den Feierlichkeiten zum Goldenen Thronjubiläum 1887. Victoria war so verzweifelt, dass ihr Leibarzt ihr ein Beruhigungsmittel geben musste, auch später fand man sie oft weinend vor. Sie schrieb in ihren Briefen des schmerzlichen Verlusts, eines wahren Freundes, den sie schrecklich vermisste. Sie ließ ihn in einen mit Blei und Holzkohle ausgekleideten Sarg legen, der dann mit Ziegeln zugemauert wurde, an einem schön gelegenen Ort zwischen Bäumen auf Schloss Balmoral. Gekrönt von einer wunderschönen lebensechten Bronzestatue, erschaffen vom Bildhauer Sir Edgar Boehm. Die Grabinschrift trug nicht nur Nobles Namen, sondern auch, wie bei Victoria üblich, auch seine von ihr so geliebten besonderen Eigenschaften. Und natürlich gab es auch eine umfangreiche Beerdigungszeremonie.
Er lebte weiter in seinen Urenkeln, die wie eine ganze Reihe anderer Collies das Leben der Königin (und anderer) bereicherten. Mit einigen von ihnen wurde gezüchtet, manche ausgestellt, aber vorrangig wurden sie einfach als Liebhabertiere gehalten. Manche wurde als besonderes diplomatisches Geschenk weitergegeben, so wie Victoria auch immer wieder Tiere, darunter auch einige Hunde als Geschenk bekam, darunter auch Barsois vom Russischen Zaren. In späteren Jahren wurde auch immer wieder mal von Kreuzungen zwischen Collies und Barsois berichtet, die dann ihrerseits vielfach auch wieder weiterverschenkt wurden.
Die einstigen Collies waren mehr vom ursprünglichen etwas gedrungenen Typus mit kürzeren Hälsen und Köpfen, die Hinterköpfe breiter, die Augen runder und die Ohren überwiegend schwerer herabhängend. In der Region des Kragens sah man erste Ansätze zu einer verstärkten Ausprägung der Haarlänge. Anfangs schienen vor allem Collies von schwarzer Farbe bevorzugt zu sein, oft fast ohne oder mit nur wenig weißen Abzeichen (Black oder Bicolor). Einige hatten tan-farbene Abzeichen in mehr oder weniger starker Ausprägung (Tricolor, wenn auch weiße Abzeichen vorhanden waren), wie Victorias Collie „Noble“. Ihr Collie „Oscar“ war einer der ersten von der Farbe Sable. Queen Victorias Collies wurden vor allem aber auch bekannt, wegen ihrer vielen weißen Collies. Wer weiß ob nicht die damals als besonders edel geltenden weißen (oder zumindest die weißfaktorierten) Barsois ihre Finger mit ihm Spiel hatten. Das könnte auch die Typveränderung erklären, die der Collie durchlief, eher zum leichteren, noch eleganteren hin, mit längeren, schmaleren (adeliger wirkenden) Köpfen, einschließlich dem Hinterkopf und längeren Hälsen. Fakt ist auf jeden Fall, dass der Collie in den Barsoi eingekreuzt wurde, da letzterer auch vom MDR1 Defekt betroffen ist. Vieles aus dieser Zeit ist heute leider nicht mehr sicher nachvollziehbar, auf Grund fehlender Schriften. Viele Collies waren auch komplett weiß (auch am Kopf), wohl ohne Einschränkungen, bei anderen können Double Merles nicht ausgeschlossen werden.
Auch wenn die damalige Hundehaltung von Queen Victoria oft weit entfernt war, von dem was wir heute als optimal ansehen, so hatte auch das Leben derjenigen, die nicht bei Hofe lebten sehr viele Vorzüge. Versorgt von einem Fachkundigen hatten sie täglichen Auslauf auf großzügigen Rasenflächen, durchsetzt mit schirmartigen Bauten als Schutz vor Sonne und Regen. Es gab sogar ein Wasserbecken für Badefreudige. Und nicht zu vergessen die Besuche ihrer Königin. Vor allem nach dem Tod ihres Gemahls Prinz Alberts war dort für sie ein geliebter Rückzugsort. Victoria war zudem bekannt dafür, dass sie sich sehr für den Tierschutz einsetzte, im Kampf gegen Tierquälereien, die zu dieser Zeit noch weit verbreitet waren, wie mit der Königlichen Gesellschaft zum Schutz der Tiere (RSPCA), gleich zu Anfang ihrer Regentschaft. Die aus der viktorianischen Zeit hervorgegangene Wertschätzung von Menschen und Tieren verhalf zu einer neuen reformierten Weltanschauung, bis hin zur zunehmenden Abneigung gegen Sklaverei.
Es war auch eine Zeit des Schaffens und Kreierens, sich Ausbreitend auch ins übrige Europa und bis in die USA, wenn nicht noch viel weiter darüber hinaus. Das machte auch vor der Rassebildung der Hunde nicht halt. Im Rahmen der besseren Anpassung vom Verhalten her (vom Arbeitshund zum mit im Haus lebenden Gesellschaftshund) und vor allem der „Verschönerung“ wurden immer wieder Rassen oder ihre Vorläufer in die sich neu bildenden Rassen eingekreuzt. Was erschreckend klingen mag, hatte doch einen sehr positiven Einfluss auf den Genpool, der sich so wieder deutlich breiter aufstellen konnte, wenn es nicht zu den auch weiter oftmals vorgenommenen Inzucht Rückkreuzungen kam. Aber ein Einfluss von außen blieb weiter bestehen. Als farb- und formgebend werden z.B. Setter vermutet. Und wenn man auf der anderen Seite die Ausbreitung des MDR1 Defekts verfolgt, kann man nur staunen, in wie vielen Rassen weltweit heute Collie Blut zu finden ist, trotz der geschlossenen Zuchtbücher. Aussehen und Charakter der Collies sind einzigartig und wenn man sich die Rassebeschreibung, samt Charakter der beeinflussten Rassen durchliest, scheint auch überall etwas vom Collie hängengeblieben zu sein.
Dagegen ist die heute oft verbreitete Theorie, dass der Collie den Welsh Sheepdogs (und Toftys) entstammt, aus genetischer Sicht, nach heutigem Wissensstand als eher fraglich anzusehen. Denn dann müsste es auch einen MDR1 Defekt bei diesen geben. Das spricht für bestenfalls weit entfernte Verwandtschaft, die soweit zurückgeht, dass sie noch vor dem Auftreten von MDR1 stattgefunden hat, also noch bei den Vorläufern der Hütehunde. Das heißt nicht, dass ein rasseübergreifender Outcross mit ähnlichen Hunden keinen positiven Einfluss haben kann, aber man muss auch immer die einfließenden Charaktere bedenken. Schön agil ist nicht für jeden schön, der schon mit einem reinen Collie eher an seine Grenzen kommt. In der heutigen Zeit genügend Welpeneltern für einen Wurf zu finden, die einem Arbeitshund gerecht werden ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Auf der anderen Seite können neue Gene auch gesundheitliche Vorzüge mit sich bringen. Oder eben auch nicht, wenn Mutter Natur oder auch die Umstände als Arbeitshund in der Vergangenheit bereits dafür gesorgt haben, dass die Gene unterschiedliche Wege gehen, um robuste Nachkommen zu erzeugen. Nicht alle Genkombinationen harmonieren miteinander. Es können auch bislang unterdrückte Gene aufeinandertreffen, um die man noch gar nicht wusste. Es ist immer ein Lotteriespiel und erst in vielen Jahre, wenn auch genügend ältere Tiere vorhanden sind und sinnigerweise auch Nachfolgegenerationen, weiß man um erbliche und möglicherweise im fortgeschrittenen Lebensverlauf auftretende Erkrankungen. Andere Rassen sind auch nicht wirklich ideal. Windhunde könnten bei unseren viel auf Sicht gehenden Hunden noch den Jagdtrieb hervorkitzeln und intensivieren. Und drinnen vom Wesen her vielleicht noch ähnlich, leben sie beim Auspowern draußen doch in einer ganz anderen Welt, die den mitbewohnenden Collie eher frustriert. Viele andere Rassen bringen wieder zahlreiche eigene Baustellen mit. Wie es um die Wesensentwicklung steht, ob man die Vorzüge der Collies wiederfindet, ohne dass unerwünschte Outcross Mitbringsel bleiben, weiß man auch erst nach mehreren Generationen. Aber jede Rasse ist endlich, wenn man an geschlossenen Zuchtbüchern festhält und es muss langfristig eine Lösung gefunden werden, wenn wir auch in Jahrzehnten noch Freude an ihnen haben wollen.